Biomüll und leere Tafel

Bei den Streifzügen durch diverse Blogs kommen immer wieder ein paar Mantra-artig vorgetragene Konzepte vor, die man vorgeblich „gegen“ den Feminismus und Konstruktivismus in Stellung bringt, die aber meines Erachtens nicht ausreichend fundiert sind und bei Nachhaken auch nicht begründet werden.

Dieser Bio-Fetischismus hat leider auch maßgeblich die MGTOW befallen. Fangen wir mal mit den noch harmlosesten an.

„Es gibt keinen freien Willen“, gerne vermischt mit „Es gibt kein (autonomes) Selbst“

Ja, meinetwegen. Nur, was bringt es? Erstere Aussage ist ziemlich irrelevant, da ein wie immer gearteter Determinismus noch lange nicht heißt, dass man die Funktion, wie ein Individuum unter gegebenen Umständen reagiert, einfach berechnen könnte. Denn A) haben die „Werkzeuge“, die man dabei benutzt (die menschliche Ratio selbst), maximal die gleiche Mächtigkeit wie der zu untersuchende Gegenstand. Mit anderen Worten: Wäre das Gehirn so einfach, dass wir alle Vorgänge und Prozesse angemessen verstehen könnten, wären wir wiederum so dumm, dass wir es nicht könnten. Man kann das auch ausführlicher und weniger flapsig begründen, wenn man sich anschaut, was Modelle und formale Systeme zu leisten im Stande sind (Stichwort: Turing, Gödel, Post).

Ähnlich irrelevant ist das „nicht vorhanden sein“ des (autonomen) Selbst. Was hier besonders stört, ist dass das „autonom“ gerne vergessen wird und man „das Selbst“ gerne ganz als nichtig erklären würde.

Auf diese Weise kann man das Descartsche „Ich denke, also bin ich.“ als veraltet abtun und sich damit gleich mal als besonders innovativ und quantensprunghaft hervortun. Dabei ist das „autonom“ der zentrale Punkt.
Das „ich denke, also bin ich“ bleibt, auch bei einem nicht-autonomen Selbst, wahr. Angenommen, das Selbst sei eine „Illusion“, ein Epiphänomen, hervorgebracht durch kognitive Prozesse. So, wie ein Magnetfeld, das durch den Stromfluss entsteht… Eine Illusion, eine Illusion für wen? Allein der Begriff Illusion macht nur Sinn, wenn es einen Beobachter/Observer gibt. Angenommen das Bewusstsein, das Selbst, sei eine Illusion, die aus sich selbst heraus entsteht und ihr eigener Beobachter ist, selbst dann wäre es immer noch ein waschechtes Bewusstsein.

Und eben dieses Bewusstsein ist dann mehr ein physisches, als ein evolutionär-biologisches Phänomen. Denn biologisch-evolutionär macht Bewusstsein absolut keinen Sinn. Es gibt nicht den geringsten evolutionären Vorteil, warum sich Bewusstsein entwickelt haben sollte. Die gesamte Welt, wie sie jetzt ist, wäre absolut genauso ohne Bewusstsein möglich. Man braucht kein Bewusstsein, damit sich Gen-Vehikel, „intelligent“ verhalten. Genauso wenig braucht man es für Gruppendynamiken, soziale Interaktion, Kommunikation oder was auch immer. Eine solche „Zombi“-Welt, würde biologisch nicht weniger Sinn machen.

Es ist bezeichnend, dass ausgerechnet dieses für jeden Menschen selbst-wahrnehmbare und für den Menschen besonders kennzeichnende Phänomen eher ein physischer Nebeneffekt als ein biologisches Phänomen sein soll. Wenn das so ist, dann hat die Biologie über den Menschen weit weniger zu sagen als andere Wissenschaftsgebiete, die sich zumindest an gewisse wissenschaftliche Standards halten.

Tabula Rasa

Also wenn irgendein „Tier“ bei Geburt an das unbeschriebene Blatt heran kommt, dann der Homo Sapiens. Wer seine Beobachtungsgabe nicht durch sein Talent zu glauben beeinträchtigen lässt, kann das jederzeit ganz einfach feststellen. Was kann ein Menschensäugling? Von alleine gar nichts. Selbst für fasst alle anderen Tiere selbstverständliche Fähigkeiten, wie zu laufen, werden erlernt.
Ein Rehkitz kommt auch ohne elterliche Hilfe auf die Beine und läuft. Ein Menschenkind würde arge Schwierigkeiten haben.

Fragt man die meisten Menschen, wie ihr denken aussieht, dann beschreiben sie es als „inneren Monolog“. Sprache wird erlernt und nicht nur das, sie ist auch noch austauschbar.

Jetzt kann man sich fragen, macht es evolutionär einen Sinn, wenn man so fundamentale Fähigkeiten bei „niedrigeren“ Entwicklungsstufen „fest verdrahtet“ hat und sie später gar nicht mehr hat? Nein, das macht keinen Sinn. Denn sie wurden durch etwas viel mächtigeres und die rezente Umwelt überdauerndes überlagert.
Viel schlimmer noch, wenn all diese Fähigkeiten, sowieso zu einem Großteil fest verdrahtet und genetisch bedingt sind, warum dann so viel Energie mit notwendiger Betreuungszeit und Bindung von Ressourcen verschwenden? Bisschen komisch, dass die „Kalibrierung“ von etwas schon vorhandenen länger dauert als das spontane Funktionieren bei anderen Lebewesen.

Die eigentliche Frage lautet: Kennt die Biologie das Konzept von „Software“? Ein Programm kann man auf ein Stück Papier schreiben. Es bleibt ein Programm, dass etwas ausdrückt und etwas „tut“.
Man kann dieses Programm in einer hölzernen Rechenmühle umsetzen, es bleibt das gleiche Programm. Man kann dieses Programm mittels Logikgattern umsetzen und egal ob man für diese Gatter unterschiedlichste Transistoren verwendet, es bleibt das gleiche Programm.

Software transzendentiert Materie / Gene und Umwelt.

Damit schließe ich natürlich nicht aus, dass es auf unterbewusster, emotionaler Ebene (oder dem Gebiet der Motivation) „feste“ Anlagen oder Ausrichtungen gibt. Aber wenn sich die Biologie und ihre Begriffe nicht drastisch selbst erweitert und gegen Vulgarisierung abgrenzt (Ein Thema für sich), ist sie eben nicht zuständig für das gesamte „Leben“.

Vielmehr ist ein umgekehrter „Lyssenko-Ismus“ zu beobachten. Dieser unterstellte den Erbanlagen von Pflanzensamen eine größere Umweltabhängigkeit und fuhr damit an die Wand. Die BioFans machen es genau umgekehrt und nehmen am Menschen nur das durch sie und ihre Werkzeuge erklärbare wahr. Und überschreiten damit ihre Kompetenz.

Abgesehen davon, fällt mir auch nichts aus der Biologie ein, was jemals irgendwelchen besonderen wissenschaftlichen Wert oder gar gesellschaftlichen Wert hatte. Darwin vielleicht, nur so positive Auswirkung auf die menschliche Existenz hat der auch nicht unmittelbar gehabt.

Bei dem was aus der Spieltheorie eingestreut wird, sollte man sich bewusstmachen, dass Neumann, Nash und Oskar Morgenstern Mathematiker bzw. Wirtschaftswissenschaftler waren und mit Biologie nix am Hut hatten.

Alles andere sind lustige Ideen, die aber auch mehr der Unterhaltung dienen als dem Schema..

1. Hypothese

2. Experiment

3. Bestätigung / Falsifizierung

…gerecht werden können.

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