Archive for the ‘Ideen, Traum und Vorstellung’ category

Normal heißt leicht bescheuert

15. August 2015

Heute will ich mal die gewagte These in den Raum stellen, dass die „Ränder“ der Intelligenz-Glockenkurve nicht zum positiven „züchtbar“ sind und der „Normalbereich“ (sagen wir, bis 140 – denn mehr können Standardtests ohnehin nicht zuverlässig messen) starken Schwankungen im Leben eines Individuums unterliegt.

Was, wenn Hoch- / Höchstintelligenz eine „Mutation“ oder ein „Ausreißer“ ist? Da es nicht so viele Höchstintelligente gibt, bin ich einigermaßen verwundert, wie oft dieses „Geschenk“ der Begabung mit ernstzunehmenden mentalen und neurologischen Erkankungen einhergeht.
Denke ich an Robert Pirsig, denn eins seiner zwei Bücher habe ich hier im Blog schon thematisiert, dann ist dieser zweifellos eine hochbegabte Person. Einen IQ von 170, im Alter von 9, das überspringen diverser Schulklassen, sprechen dafür … Aber sein Beitrag zur Kultur bestand im wesentlichen aus zwei im Belletristik-Stil geschriebenen Büchern. Gut, das eine ist eine amüsante Einführung in Software Qualität, aber nicht wirklich eine wissenschaftliche Höchstleistung. In „ZEN und die Kunst ein Mottorrad zu warten“ beschreibt er im übrigen auch Episoden seiner schizophrenen Erkrankung. Von den anderen seiner Verdienste (Übersetzungsarbeiten etc.) sieht die Welt nicht viel. Gut, dann kann man einwenden, das ist ja der übliche „anekdotische Beweis“, also keiner.
Eine große Ausnahme. Meinetwegen.
Beschränke ich mich weiter nur auf die Höchstintelligenten und Nobelpreisträger eines abgegrenzten Zeitraums, so sieht das sogar noch krasser aus:

  • Einsteins jüngster Sohn, Eduard Einstein, litt ebenfalls unter schwerer Schizophrenie
  • Paul Ehrenfest, litt unter schweren Depressionen und tötete sich und seinen geistig behinderten Sohn schließlich
  • Paul Dirac selbst wurde als verschroben und „seltsam“ beschrieben, sein Bruder Felix suizidierte sich ebenfalls
  • John Forbes Nash ist wohl der bekannteste schizophrene Nobelpreisträger
  • Robert Oppenheimer wird in sämtlichen Biographien als mindestens leicht paranoid dargestellt

Wenn Schizophrenie also eine stark erbliche Komponente hat und Intelligenz eine stark erbliche Komponente hat, dann kommt das in den obigen Beispielen doch als Gesamtpaket.
Genau, wie es Steven Hawkings nur als Gesamtpaket mit seiner ALS gibt.
Wäre eine Gesellschaft komplett aus Höchstintelligenten sinnvoll oder überlebensfähig?

Der Beitrag, den Hochintelligente zur Menschheit gebracht haben, bestand nicht darin, ihre Gene möglichst weit verbreitet zu haben und intelligente Kinder zu zeugen. Von den Nachfahren Pythagoras ist wenig bekannt, Turing hatte aus offensichtlichen Gründen gar keine. Aber ihre Ideen trieben auf der ganzen Welt Früchte, auch in Gegenden und in Kulturen, die nichts mit den Autoren zu tun hatten.

 

Endlose Rekursion und zirkuläre Abhängigkeiten im Kinderlied

31. März 2013

MandelmopsWer denkt, dass die theoretischen Grundlagen der Computerwissenschaft etwas dem Alltag vollkommen Fremdes sind, vergisst, dass man von klein auf schon damit zu tun hat. Ein Klassiker der endlosen Rekursion ohne Abbruchbedingung ist das Lied „Ein Mops kam in die Küche“:

1. Ein Mops kam in die Küche, und stahl dem Koch ein Ei.

2. Da nahm der Koch den Löffel und schlug den Mops zu Brei.

3. Da kamen viele Möpse und gruben ihm ein Grab.

4. Und setzten drauf ’nen Grabstein, worauf geschrieben stand:

(Sprung zurück zu 1.)

Das Reizvolle ist die unmittelbare Einsicht, dieses Lied bis in alle Ewigkeit weitersingen zu können und dabei eine unendliche Schachteltiefe der Geschichte in der Grabinschrift des Mopses zu produzieren, die sich zudem in der Unendlichkeit selbst enthält. Ein fraktales Lied sozusagen.

Teile-und-Herrsche (Divide and Conquer) beschreibt Verfahren, in denen ein Problem in überschaubare Teilprobleme zerlegt wird, um es einfacher lösen zu können. Auch hierfür gibt es Beispiele im Liedgut:

1. Wenn der Topf aber nu ’n Loch hat, lieber Heinrich, lieber Heinrich? Wenn der Topf aber nu ’n Loch hat, lieber Heinrich, ’n Loch? „Stopp’s zu liebe, liebe Liese, liebe Liese, stopp’s zu!“

2. Womit soll ich’s denn aber zustoppen, lieber Heinrich, lieber Heinrich? Womit soll ich’s denn aber zustoppen, lieber Heinrich, zustoppen? „Mit Stroh, liebe, liebe Liese, liebe Liese, mit Stroh!“

3. Wenn’s Stroh aber nu zu lang ist, lieber Heinrich, lieber Heinrich? Wenn’s Stroh aber nu zu lang ist, lieber Heinrich, zu lang? „Hau’s ab, liebe, liebe Liese, liebe Liese, hau’s ab!“

4. Womit soll ich’s aber abhaue, lieber Heinrich, lieber Heinrich? Womit soll ich’s aber abhaue, lieber Heinrich, womit? „Mit’m Beil, liebe, liebe Liese, liebe Liese, mit’m Beil!“

5. Wenn’s Beil aber nu zu stumpf ist, lieber Heinrich, lieber Heinrich? Wenn’s Beil aber nu zu stumpf ist, lieber Heinrich, zu stumpf? „Mach’s scharf, liebe, liebe Liese, liebe Liese, mach’s scharf!“

6. Womit soll ich’s denn aber scharf machen, lieber Heinrich, lieber Heinrich? „Womit soll ich’s denn aber scharf machen, lieber Heinrich, womit? „Mit’m Stein, liebe, liebe Liese, liebe Liese, mit’m Stein!“

7. Wenn der Stein aber nu zu trocken ist, lieber Heinrich, lieber Heinrich? Wenn der Stein aber nu zu trocken ist, lieber Heinrich, zu trocken? „Mach’n nass, liebe, liebe Liese, liebe Liese, mach’n nass!“

8. Womit soll ich’n aber nass mache, lieber Heinrich, lieber Heinrich? Womit soll ich’n aber nass mache, lieber Heinrich, womit? „Mit Wasser, liebe, liebe Liese, liebe Liese, mit Wasser!“

9. Womit soll ich denn aber’s Wasser schöpfe, lieber Heinrich, lieber Heinrich? Womit soll ich denn aber’s Wasser schöpfe, lieber Heinrich, womit? „Mit’m Topf, liebe, liebe Liese, liebe Liese, mit’m Topf!“

10. Wenn der Topf aber nu ’n Loch hat, lieber Heinrich, lieber Heinrich? Wenn der Topf aber nu ’n Loch hat, lieber Heinrich, ’n Loch? „Lass es sein, dumme, dumme Liese, dumme Liese, lass es sein!“

Es ist nicht so elegant, wie der Mops-Text, in dessen Kürze die Würze liegt. Doch auch hier ist Selbst-Bezug / Rekursion das Hauptmotiv. Allerdings wird die Endlos-Schleife abgebrochen, sobald offensichtlich ist, dass die Problem-Ursache und Problem-Lösung miteinander verwoben, ja augenscheinlich identisch sind. Ein Problem lösen zu wollen, dass es ohne den Versuch es lösen zu wollen, gar nicht gäbe. Es besteht fürderhin eine zirkuläre Abhängigkeit zwischen Problem und Teillösung.

Puh. Das war jetzt mein Wort zum Ostersonntag. Denken Sie mal drüber nach… (Ich hätte Pfarrer werden sollen.)