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Ignoranz

13. April 2010

Bei manchen Dingen kann ich gar nicht so richtig sagen warum ich sie unangenehm finde. Viele Leute nehmen die gleiche Situation ganz anders wahr und / oder gehen damit ganz anders um.

Ein Beispiel dafür bietet das Mysterium Berlin. Durch seine historisch bedingte Teilung ergibt sich die Möglichkeit, über längere Zeit, immer wieder spontan, einen kulturellen Kontextwechsel durchzuführen. Mein Zuhause befindet sich im Ostteil der Stadt. Es ist stellenweise etwas unaufgeräumt im Viertel, Graffiti bedeckt die meisten Häuserfassaden und Sehbehinderte haben aufgrund des Hundekots definitv ein Problem. Trotzdem. Ich mag es dort. Das Leben ist günstig und hat viel zu bieten. Die Leute sind prinzipiell friedlich und halten sich an ähnliche Gepflogenheiten wie man selbst.

Ganz anders im Westen, wo meine Arbeit ist. Sobald die Station Hauptbahnhof erreicht und damit der Übergang von dem einen in den anderen Sektor vollzogen ist, betreten meist die ersten Bettler die S-Bahn. Vom freundlichen gescheiterten Normalo bis zum aggressiv bettelnden Junkie ist alles dabei. Soweit ist es ja noch okay. Doch wenn man ein paar Haltestellen später aussteigt geht es los. Allein der Intervall der Fußgänger-Ampeln zeigt, wie die Prioritäten hier gesetzt sind: Der Mensch, zumindest der nicht motorisierte, zählt nichts. Man wird durch Lärm und Abgase belästigt, in seinem Bewegungsfeld eingeschränkt und die Gottheit, der hier ein jedes Individuum huldigt, ist die Ignoranz. Nirgendwo spürt man den Unterschied zwischen einer Gesellschaft und einer gespaltenen unkoordinierten Horde deutlicher. Ohne Zweifel, das ist die Horde. In keiner Umgebung ist die Wahrscheinlichkeit verarscht oder abgezogen zu werden größer. Hier kostet das ranzige Stück Kuchen von der unfreundlichen Vettel in der Aufbackstation genauso viel, wie ein leckeres Mittagessen beim netten Chinesen in meiner Straße, wo man zudem beim Wechselgeld nicht beschissen wird. Ein typisch Westberliner Phänomen sind die Geisterfußgänger und Rolltreppenblockierer. Es ist verblüffend, wie eine so einfache Regel, nämlich sich in jeder Richtung (wie beim Autoverkehr) an einer Seite zu orientieren, die Bewegung per Pedes so angenehm gestalten kann. Da der Westberliner aber vermutlich hauptsächlich Auto fährt und der Gang zu Fuß für ihn womöglich ein sehr exklusives Erlebnis darstellt, ist er mit derartigen Dingen wohl etwas überfordert. Vielleicht erklärt das auch die Taxi-Fahrer Mentalität der Leute. Lauter gereizte Miesepeter, die sich gegenseitig das Leben zur Hölle machen.