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Eve of destruction

2. September 2012

Wie der Netzfeminismus offene Plattformen und Projekte (zer)stört, am Beispiel der deutschsprachigen Wikipedia

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„Hm, sieht nicht aus wie die Frucht der Erkenntnis…?“

Aktuell, vielseitig, umfassend, verständlich

Die Wikipedia ist ein großartiges Projekt. Gerade in Bezug auf technische Fragen und praktische Information, ist sie aus dem Alltag kaum noch wegzudenken. Unzählige Freiwillige ermöglichen ein Nachschlagewerk, das insbesondere an Aktualität, Vielseitigkeit und Verständlichkeit anderen Enzyklopädien mehr als das Wasser reichen kann.

Wer immer einer Profession oder einem Hobby nachgeht und wem ein wenig Herzblut daran liegt, kann seinen Teil zum Online-Lexikon beisteuern, wenn es ausreichend belegt ist, freilich – so die Theorie. Mit „normalen“ Nachschlagewerken hat sie gemein, dass sie Sachverhalte aus der „realen“ Welt darstellen und beschreiben soll. Jedoch wird man klassische Enzyklopädien vergeblich bemühen, wenn es um tagesaktuelle Ereignisse geht. Auch mit der Vollständigkeit ist es nicht weit her, so gibt das Fremdwörterlexikon „Der kleine DUDEN“ aus dem Jahr 1991 zum Stichwort Feminismus folgende Auskunft: „der; -, …men: Ausbildung weiblicher Geschlechtsmerkmale beim Mann od. bei männlichen Tieren“

Das ist so falsch nicht und hat wahrscheinlich mehr Realitätsbezug als die Wikipedia-Definition, aber die ganze Wahrheit ist es auch wieder nicht. Sicher hat die Duden Experten-Redaktion lange und gründlich dafür recherchieren müssen, bis sie es so knackig definiert hatten und die Leute sind keineswegs überbezahlt.

Ebenfalls hilft mir der Brockhaus, Meyers kleines Konversationslexikon oder die Encyclopedia Britannica recht wenig, wenn ich mal schnell alle Folgen einer Fernsehserienstaffel, alle Alben einer Musikband, Informationen über ein Softwareprojekt haben will, sowie Angaben aus Bereichen, die eine Lexikonredaktion aus verschiedenen Gründen ausklammert.

Zum Beispiel, weil es um Spezialwissen geht oder im Detail normalerweise nur in Fachbüchern zu finden ist. Insbesondere bei zeitkritisches Wissen, wie die Features von aktuellen Prozessorgenerationen, kann eigentlich kaum ein anderes Medium mithalten. Zumindest ist Wikipedia meist ein guter Startpunkt, um schnell an die nötigen Quellen zu kommen.

Dazu kommen Unterprojekte, wie Wiktionary, die mit jedem Wörterbuch ohne weiteres konkurrieren können.

Wikipedia verwende ich also aus den unterschiedlichsten Gründen mehrmals täglich und das mit Gewinn. Tausend kleine alltägliche Anlässe, wo die Plattform sich unmittelbar praktisch bezahlt macht und sinnlose und vergebliche Suche auf ein absolut notweniges Maß reduziert.

Währenddessen kann ich mir nicht vorstellen, dass es sich großartig negativ auf mein Leben auswirken würde, wenn es plötzlich keine sozialwissenschaftlichen Publikationen oder feministische Literatur mehr gäbe. Letztere ist lediglich ein Ärgernis, Erstere sind bestenfalls irrelevant. Vielmehr liegt doch der gesellschaftliche Nutzen der allermeisten Sozial- oder Geisteswissenschaftler bei ungefähr null. Diese Leute finden doch genug Möglichkeit sich, sogar bezahlt, bei Stiftungen, Zeitungen, Rundfunkanstalten zu verbreiten. Warum muss man dann noch Wikipedia in die verkorksten Verstrickungen dieser egozentrischen Gernegroße hineinziehen?

Und im Gegensatz zu konventionellen Enzyklopädien verfügt die Wikipedia über zahlreiche Features, wie Einsicht in Versionen und Diskussionsstränge, die dem mündigen Leser Einsicht in das Zustandekommen eines Textes geben, um selbst die Qualität desselben abschätzen zu können.
Bei konventionellen Lexika ist dies weitaus schwieriger, zumal dort auch nicht festzustellen ist, welcher der Autoren für welchen Beitrag verantwortlich ist.

Nutzwert, Neid und Begehrlichkeiten

Mit wachsender Popularität und dem Umstand der leichten Bearbeitung von Content werden ihr diese Vorteile in manchen „Fachgebieten“ nun zum Verhängnis.

Dadurch, dass Wikipedia nicht nur zum praktischen Informieren, sondern häufiger auch als Referenz verwendet wird, weckte man Begehrlichkeiten nicht ganz moralisch einwandfreier Art.

Anstatt möglichst umfassend Informationen zusammenzutragen, wird die Plattform zunehmend zur Meinungsbildung und „Fundierung“ von ideologiegetränkten Meinungen instrumentalisiert. Ähnlich Zitatkartellen schreiben sich Anhänger bestimmter Gruppierungen ihre Referenzen selbst.

So werden insbesondere Themen, die Feminismus betreffen zensiert und Kritiker gesperrt und Artikel über Autoren einseitig zurechtgekürzt, um sie in ein schlechtes Licht zu rücken.

Auszug aus einer Diskussion um einen Beitrag:

„Wir umschreiben Begriffe nicht und machen auch keine Begriffs- oder Theoriefindung. Das widerspricht den Wikipedia-Grundprinzipien. Was X und Y ist, kann jeder in den WP-Artikel dort nachlesen. Was du also findest, ist für die Darstellung unerheblich.“

Sprich, nicht mehr eine belegte Referenz bildet die Grundlage, sondern ein anderer Wikipedia-Artikel.

Das alles und mehr ist bei cuncti ausführlich beschrieben worden, jedoch mit einer fatal falsch gezogenen Schlussfolgerung.

Ein weiterer Punkt ist, dass sich bei anderen Beiträgen Autoren offensichtlich herabgesetzt fühlen, weil sie erkennen, dass die Qualität „renommierter“ Quellen nicht soviel besser bzw. sehr viel schlechter ist, als die gemeinschaftlich entstandenen Wiki-Beiträge. Ähnlich wie bei bekannten Open Source Projekten, wird der Konkurrenzdruck auf kommerzielle Anbieter erhöht.
Klar gibt es eine Menge Schrott, aber Projekte, wie Firefox, LibreOffice, GIMP, Linux als Server-Plattform, Apache Webserver, Eclipse … haben gezeigt, dass kollaborativ gepflegte Projekte für die meisten Anwender ein Segen sind. Zumal zumeist dort auch Meritokratie mit Gemeinschaftlichkeit verbunden wird. Sprich, ungeachtet von Namen oder Ansehen kommen die Änderungen zum Tragen, die den verdienstvollsten Beitrag leisten.
Dies ist ein nicht zu vernachlässigender Aspekt, um Einsicht über die Motivation der Wikipedia Kritiker zu gewinnen. Im Wiki sieht man Fehlentwicklungen recht schnell, wenn man sich dafür interessiert. Ein Fachgebiet, insbesondere wenn es kaum Relevanz besitzt, kann dagegen auch jahrzehntelang vor sich hindümpeln, denn der autoritätsgläubige Leser, weiß es eben nicht besser und hat auch keine Möglichkeit, sich über das Zustandekommen von Texten zu informieren.
Kein Wunder also, wenn bisher anstrengungslos vergütete Autoren gegen die offene Plattform wettern.

A Fool with a Tool is still a Fool

Es wird also recht schnell klar, dass die vermeintlich Wikipedia-bedingten Probleme eher allgemeine Probleme der entsprechenden Gebiete sind. Wikipedia ist bloß ein Werkzeug, eine technische Infrastruktur. Und das, was sie machen soll, macht sie verdammt gut. Ein technisches Mittel kann niemals strukturelle Probleme lösen, das muss schon die „reale Welt“ tun.
Dass sich falsche Leute in den falschen „Etagen“ befinden und unberechtigterweise Autorität genießen und damit andere gängeln, zensieren oder Meinungen unterdrücken können, kommt bei anderen Veröffentlichungsformen genauso oder schlimmer vor.
Deswegen sei den Sozialwissenschaftlern gesagt, räumt erstmal bei Euch selber auf! Solange Gender-Studies in „echten“ Universitäten unterrichtet wird, beschwert Euch nicht über die Missstände bei Wiki. Solange es der Mainstream ist, entsprechende Politik in den Hauptmedien zu betreiben, werft es Wiki nicht vor. Oder wenn Stiftungen entsprechende akademische Abschlussarbeiten finanzieren, die dann als Quellen hergenommen werden. IHR seid das Problem!

Zumal man sich auch fragen muss, wie es sein kann, dass es so einfach ist, den größten Unsinn zu verbreiten, ohne bei Lesern gleich auf Verstimmung zu stoßen. Da gibt`s ja verschiedene Möglichkeiten. Zum Beispiel sind die Leser unglaublich dumm oder verblendet (dann ist Wikipedia das geringste Problem, denn schließlich hat das ja auch seine realweltlichen Ursachen) oder, wie gesagt, die Beiträge sind einfach so irrelevant und u.a. deswegen so schwer auf Korrektheit überprüfbar.
Dabei bietet sich gerade die Transparenz der Wikipedia an, die Folgen einer Geschlechterprivilegierung zu beobachten. Wenn eine Gruppe nicht mehr nach Verdiensten protegiert wird und quasi geschlechtsgegebene Narrenfreiheit besitzt, richtet es unglaublichen Schaden an. Warum soll das in der realen Welt anders sein? Wenn manche im Namen von Jugendschutz und Frauenbefindlichkeiten Wiki in ihrem Sinne „säubern“ wollen, erinnert das sehr stark an politische Bestrebungen der letzten Jahre in der realen Welt.

In der realen Welt gibt es nun mal auch Unmündige und Idioten. Kinder können sich keinen Internet-Anschluss anmelden / bestellen, also sind das Problem vorwiegend erwachsene Idioten. Wenn die Wikipedia sich immer mehr darauf ausrichtet, auch von Idioten bedient werden zu können, werden sie letztlich nur noch Idioten benutzen.

Ein Esel schimpft den ander`n Langohr

 Abbildung 2: Das Bild zeigt keine sozialwissenschaftliche Expertenkommission und weder Arne Zweifelfrau noch Michi Groß

Das Bild zeigt keine sozialwissenschaftliche Expertenkommission und weder Arne Zweifelfrau noch Michi Groß

Nun gibt es Leute, die mit allen Mitteln glauben machen wollen, es lägen die Missstände der Wikipedia an der Anonymität der dortigen Autoren.
Nun ja, wenn die Anonymität das Problem von mangelnder Redlichkeit oder Wissenschaftlichkeit ist, dann sollte man doch unbedingt für (Sozial-)Wissenschaftler eindeutige Namen einführen: Statt Michi Groß würde Michi Groß_002041 die Veröffentlichungen zieren, denn manche Namen kommen sehr viel häufiger vor als andere.
Ein paar wissenschaftliche Untersuchungen dahingehend wären interessant, ob Leute mit Allerweltsnamen mehr Unsinn schreiben als Leute mit eindeutigen bzw. ungewöhnlichen Namen.
Wenn also beispielsweise jemand schreibt, männliche Beschneidungen bei Säuglingen wären nicht so schlimm, denn bisher hätten sich diese als Erwachsene kaum über Beeinträchtigungen beschwert, dann läge das möglicherweise am Allerweltsnamen. (Nur mal so zur Vollständigkeit, mit der gleichen Begründung könnte man auch Kleinkinder die Augen rausschneiden, denn sie würden ja später keinen Unterschied kennen). Wie also auch schon Kleinkinder, mit oder ohne Augen oder Vorhaut erkennen können, liegt das Problem nicht an der Anonymität, sondern an der Unqualifiziertheit bzw. Dummheit der Schreiberlinge.

Dynamik der Dummheit

Wo ist ein Salomon, wenn man ihn braucht?

Wo ist ein Salomo, wenn man ihn braucht?

Ich muss keine Bücher über Themen lesen, die mich nicht interessieren und ich muss keine Zeitungen oder Magazine kaufen, die zweifelhafte Politik betreibende Publizisten beschäftigen.
Dass jetzt genau diese Leute, ob Feministen oder die Gegenseite, ein großartiges Projekt zerstören, welches sie A) nicht verstehen und wozu sie B) nichts Relevantes beizutragen haben, ist mehr als ein Ärgernis.

Die Anonymität ist Begleiterscheinung und Voraussetzung der wichtigsten Alleinstellungsmerkmale der Plattform: Aktualität, Vollständigkeit und Vielseitigkeit, die durch unkompliziertes Einstellen von Änderungen und eine breite Autorenbasis ermöglicht werden. Sie kann aber auch missbraucht werden, um Menschen zu diskreditieren und zu verleumden. Deswegen kann ich den Unmut darüber gut verstehen.

Drum hoff`man, die Nerds und Enthusiasten, die das Netz auf- und ausgebaut und zu dem gemacht haben, was es ist, kommen auch mit dieser Bedrohung klar.

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